Spritzguss, Beborstung, Verpackung: In Flawil läuft fast alles automatisch, die Prozesse laufen im Millisekundenbereich. Und doch steht am Ende ein Mensch, der noch einmal hinschaut. Curaden-CEO Christine Breitschmid erzählt, wie Curaplast so Millionen Zahnbürsten fertigt, wie jedes Stück zurückverfolgbar bleibt und wann eine Zahnbürste zum Medizinprodukt wird.
85 Millionen davon verlassen jedes Jahr Flawil: Halter für Curaprox-Interdentalbürsten, frisch aus dem Spritzguss.
(Bild: Curaden AG)
Eine Zahnbürste kann in einem Markt ein Medizinprodukt sein und in einem anderen nicht. Die Schallzahnbürste von Curaprox ist in Kanada und den USA ein Medizinprodukt der Klasse 2, wie Christine Breitschmid, CEO der Curaden AG, sagt. Das Produkt bleibt dasselbe, die Einstufung hängt vom Markt ab. «Es kann sogar sein, dass eine Handzahnbürste je nach Markt plötzlich ein Medizinprodukt ist.»
Christine Breitschmid, CEO der Curaden AG: «Wenn Kundinnen und Kunden in anderen Ländern das Schweizerkreuz sehen, transportiert das ziemlich viel Vertrauen in die Qualität, in die Produktsicherheit und in die Effektivität des Produkts.»
(Bild: Curaden AG)
Zahnbürste oder Medizinprodukt: Das Land entscheidet
Für die Regulatorik ist das Alltag. Breitschmid sagt: «Wir haben Glück, dass die meisten unserer Produkte keine Medizinprodukte sind.» Wirklich eines sei nur der Orthowachs. Er schützt das Zahnfleisch, wenn eine neue Zahnspange drückt. «Eine sehr spezifische Nutzung.»
Rutscht ein Produkt in einem Markt in die Medizinprodukte, steigt der Aufwand. Die Dokumentation wird umfangreicher und komplexer, und was kommuniziert werden darf, wird enger. Curaden entwickelt deshalb bewusst so, dass die Produkte gar nicht erst in dieses Gebiet geraten. Ganz in der Hand hat das Unternehmen es aber nicht: «Wenn sich die Regulierung verändert, müssen wir uns wieder anpassen und die Dokumentation entsprechend erhöhen.»
Gleiches Produkt für Praxis und Badezimmer
Wer in der Zahnarztpraxis eine Curaprox-Bürste in die Hand gedrückt bekommt, hält kein Profi-Modell in der Hand. «Es gibt keinen.», sagt Breitschmid auf die Frage, was Praxisprodukte von Endkundenprodukten unterscheidet. Allenfalls die Packungsgrösse weicht ab, oder die Interdentalbürsten sind schon vormontiert. «Es ist ja nicht eine professionelle Anwendung und dann eine private», sagt sie. «In der Zahnarztpraxis zeige ich den Patientinnen und Patienten, wie sie das zu Hause brauchen können.» Die Praxis ist damit kein eigenes Produkt, sondern ein Vertriebsweg. In der Präsentation von Curaden stehen die Dental Professionals als erster von sieben Kanälen, vor Apotheken, Einzelhandel und Online-Shops.
Millionen Bürsten, 32 Menschen
Gefertigt wird bei der Curaplast AG in Flawil SG. Sie gehört zur Curaden AG in Kriens LU und begann 2014 in Degersheim bescheiden: 8 Mitarbeitende, eine Spritzgiessmaschine, zwei Beborstungsanlagen, rund 1000 Quadratmeter. 2021 folgte der Umzug nach Flawil. Heute arbeiten dort 32 Menschen auf 5000 Quadratmetern genutzter Produktionsfläche, insgesamt stehen rund 7000 zur Verfügung.
Rote Halter für Interdentalbürsten werden sortiert und ausgerichtet in einem Schwingförderer, bevor sie montiert werden.
(Bild: Curaden AG)
Die Kapazität liegt bei 24 Millionen Zahnbürsten und 85 Millionen Interdentalbürsten pro Jahr, ab 2027 sollen es bis zu 34 Millionen Zahnbürsten werden. Alles entsteht ausschliesslich in der Schweiz. Seit dem 1. Januar 2026 leitet René Tönz die Geschäftsführung von Curaplast.
Vom Granulat zur Bürste, im Millisekundentakt
Am Anfang steht Kunststoffgranulat. Daraus entstehen im Spritzguss mit Thermoplasten die Griffe. Dann folgen Heissprägung, Beborstung, Montage und die automatisierte Verpackung, unter anderem im Tiefziehverfahren. Neu im Einsatz ist eine CUBE-Produktionslinie mit Spritzgiessmaschine und Heissprägelinie. Bei den Interdentalbürsten kommt das Verdrehen der Bürsten dazu.
Die Anlagen entwickelt Curaplast gemeinsam mit spezialisierten Anlagenbauern und stimmt sie auf die eigenen Anforderungen ab. Nach Angaben des Unternehmens laufen die Prozesse im Millisekundenbereich. Das sichert gleichbleibende Qualität, wenn Millionen Stück vom Band laufen.
Jede Bürste hat ihre Nummer
Fertig verpackte Curaprox Zahnbürsten «5460 ultra soft» in der Verpackungsmaschine.
(Bild: Curaden AG)
Hier wird es für Qualitätsleute interessant. In Flawil besteht ein Managementsystem nach ISO 9001, zertifiziert seit 2017. Dazu kommen Produktnormen: Interdentalbürsten entstehen nach ISO 16409, Zahnbürsten nach ISO 20126. Letztere legt fest, wie manuelle Zahnbürsten geprüft werden, etwa auf den Halt der Borstenbüschel, die Schlagfestigkeit des Griffs und die Verrundung der Borstenenden.
Und dann der Punkt, der aus Millionen Bürsten Millionen Einzelstücke macht. Auf die Frage, ob jede einzelne Bürste eine eigene Nummer oder einen Code trägt, antwortet Breitschmid mit einem knappen «Ja».
Stand: 08.12.2025
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Die Spur reicht weiter als bis zur Bürste. «Rückverfolgbarkeit haben wir über Chargen und Lot-Nummern, sodass wir sie wirklich bis zum Rohstoff garantieren können», sagt sie. Abgesichert sei das im ERP-System. Zur Qualitätssicherung gehören ausserdem die Prüfung der eingehenden Materialien, Kontrollen während der Produktion und die gezielte Freigabe von Chargen.
Wo der Mensch unverzichtbar bleibt
Obwohl «sehr viel automatisiert» ist, wie Breitschmid sagt, geht es ohne Menschen nicht. Sie greifen ein, wenn eine Maschine nicht läuft, etwa bei Fehlermeldungen, bei der Zufuhr neuer Rohstoffe und bei der Zufuhr der Produkte zur Verpackung. Und am Ende der Kette steht ein Mensch: «Wir haben immer noch eine Sichtkontrolle, die natürlich der Mensch macht.»
Warum ausgerechnet in der Schweiz?
Präzision, die man auf der Packung sieht: Aus Flawil kommen die Teile, die später das Schweizerkreuz tragen.
(Bild: Curaden AG)
Die Antwort beginnt mit dem Kreuz auf der Packung. «Wenn Kundinnen und Kunden in anderen Ländern das Schweizerkreuz sehen, transportiert das ziemlich viel Vertrauen in die Qualität, in die Produktsicherheit und in die Effektivität des Produkts», sagt Breitschmid.
Dazu kommt ein praktischer Grund: die Nähe. Headquarter und Produktion liegen geografisch nah beieinander. «Wir haben kurze Austauschwege, man kann schnell über Produktinnovationen sprechen, Sachen verbessern, anpassen, ausprobieren. Diese Nähe ist extrem viel wert.» Auch die Infrastruktur nennt sie als Vorteil, von der Stromsicherheit bis zu den Transportwegen. Flawil liegt nahe an der Autobahn, und die meisten Lieferanten stammen aus der Schweiz und Süddeutschland.
Bleibt der Mensch an der Maschine. Wer die Anlagen betreut, braucht Ausbildung, und die muss man selbst aufbauen. Curaden hat Lernende und schult neue Mitarbeitende direkt an der Maschine. «Man muss auch selber in die Leute investieren», sagt Breitschmid.
Was als Nächstes kommt
Die Halle ist modernisiert, die Beleuchtung auf LED umgestellt, und Produktionsreste werden teilweise mit regionalen Partnern wiederverwertet. Geplant sind Photovoltaikanlagen auf dem Dach und eine Optimierung der Druckluftversorgung, die rund 15 Prozent Energie in diesem Bereich sparen soll. Dazu kommen neue Materialien, eine bessere Intralogistik und die Anpassung an künftige europäische Verpackungsvorschriften.
Die Zahnbürste mag unscheinbar sein. Das System dahinter ist es nicht: Normen, Chargen, ein Code auf jedem Stück und am Ende ein Mensch, der noch einmal hinschaut.